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Afrika. Stolz & Vorurteile (Teil II)

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Eine Präsentation des Heftes "Afrika. Stolz & Vorurteile" der Edition Le Monde diplomatique, einer Sammlung journalistischer Perspektiven auf Gegenwart und Geschichte afrikanischer Gesellschaften.

22.01.2010 | Anna Ellmer

Der Fluch des Öls

Eine immer wieder kehrende Konstante der Analysen verschiedener afrikanischer Gesellschaften stellt dabei die tragende Rolle von Ressourcen bzw. der lokalen und globalen Auseinandersetzungen um eben diese dar. Besonders das Rangeln um das begehrte Erdöl prägt die aktuelle Dynamik vieler afrikanischer Staaten: In Nigeria beispielsweise sei es aufgrund des Ölreichtums zu einer weitgehenden Entmachtung eines großen Teils der Bevölkerung gekommen, denn die herrschende Elite sei auf die SteuerzahlerInnen im Grunde nicht mehr angewiesen, seit diese sich umfassend an den Ölmillionen bereichert habe, so Nicholas Shaxson. Auseinandersetzungen, die allzu häufig schlicht als ethnisch begründete Konflikte dargestellt werden, seien häufig die Folge der "zersetzenden Kraft des Öls". Die enorme Kluft zwischen einer verarmten Bevölkerung und einer reichen Elite befördert laut Shaxson eine "Alle gegen Alle"-Mentalität, in der jedeR versucht, sein kleines Stück vom Ölkuchen abzukriegen. Die Förderung von essentialistischen Konstruktionen indigener Identitäten durch die Politik der Ölmultis wirkt dabei alles andere als entschärfend. Ebenso berücksichtige die Darstellung des Konfliktes in Darfur als Stammeskrieg nur die halbe Wahrheit, so Gérard Prunier. Auch hier spiele die Sicherung der Öleinkünfte durch die sudanesische Regierung eine zentrale Rolle. Vor dem Hintergrund des "Hunger nach Rohstoffen und Energie" im Zusammenhang mit den enormen Wachstumsraten ist außerdem auch das in den letzten Jahren rasant zunehmende Engagement Chinas in einer Reihe afrikanischer Staaten, zu verstehen, erklärt Nicola Liebert, die die Rolle Chinas als neue neokoloniale Macht und deren politische Implikationen darstellt.

Vielfalt der Perspektiven

SchriftstellerInnen, JournalistInnen und SozialwissenschafterInnen aus Afrika, den USA und Europa haben die hier versammelten Texte verfasst. Darunter finden sich klingende Namen, wie Doris Lessing und Joseph Stieglitz. Aber die Fülle ihrer Perspektiven ergibt nicht immer ein kohärentes Ganzes. Zum Einen ergänzen sich die verschiedenen Beiträge und lassen ein breites Panorama entstehen. An anderen Stellen liefern sie aber auch Material, um einen kritischen Blick auf den einen oder anderen Artikel zu werfen.

So liefert Achille Mbembe beispielsweise ein Plädoyer für eine Ablösung der verschiedenen Spielarten des afrikanischen Nationalismus durch einen weltoffenen „Afropolitanismus“, der sich der „Verfügung des Hier mit dem Anderswo“ bewusst ist und die Vielfalt, Dynamik und Mobilität der AfrikanerInnen, ihrer (oft transnationalen) Lebenswelten und kulturellen Praktiken im Positiven anerkennt. Die Feststellung Tirthankar Chandas, dass sich eine junge Generation afrikanischer AutorInnen angesichts der Erfahrung von Migration und Globalisierung neue Perspektiven erschließe und sich nicht länger der nationalen Emanzipation und der Négritude verpflichtetet fühle, kann als eine konkrete Manifestation der von Mbembe diskutierten Überwindung nationalistischer Ideologien verstanden werden. Das gleichzeitige Fortbestehen dieser Ideologien in Südafrika, wo sie sich längst nicht mehr ausschließlich als Motor der Emanzipation und Unabhängigkeit manifestieren, sondern durchaus auch als fremdenfeindliche Gewalt, zeigt aber auch, dass nationalistische Denkweisen nach wie vor durchaus präsent und wirksam sind. Und schließlich wird Mbembes Darstellung Johannesburgs als Mekka eines toleranten „Afropolitanismus“ dadurch durchkreuzt, dass Phillipe Rivière im Zuge seines Artikels über die Wohnungsproblematik in Südafrika den UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen, Miloon Kothari, zitiert: „Je mehr sich Johannesburg zur Weltstadt entwickelt, desto stärker steigen schon jetzt die Mietpreise“. Für die in den Townships lebenden SüdafrikanerInnen scheint eine kosmopolite Metropole wenig Hoffnung zu bieten.

Einen besonders faszinierenden Einblick in afrikanische Lebensrealitäten bietet Thérèse-Marie Deffontaines Artikel über das Literaturfestival im malischen Bamako, das vor dem Hintergrund, dass Bücher in Afrika Mangelware sind, Jugendlichen nicht nur die Möglichkeit geben soll, zu lesen, sondern auch mit den jeweiligen AutorInnen zu diskutieren. Der Beitrag zeichnet diese Diskussionen nach, in denen die Widersprüche und Träume, die das Leben der jungen AfrikanerInnen prägen, auf erstaunlich klare Weise greifbar werden.
 
Nicht zuletzt muss schließlich die graphische Gestaltung dieses Heftes erwähnt werden. Denn nicht nur das Cover sticht ins Auge. Der Band ist mit einer Fülle von gut ausgewählten Photos, Graphiken, aktuellen und historischen Landkarten illustriert, die diesen umfassenden und doch handlichen Einblick in das heutige subsaharische Afrika nicht nur beeindruckend visuell veranschaulichen, sondern daraus auch eine durch ihre Ästhetik ansprechende Publikation machen.


Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Afrika. Stolz und Vorurteile
broschiert, 112 Seiten
taz Verlag, Berlin 2009, ISBN-13: 978-3937683225
8,50 Euro


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