Navigationshilfe:

Sitemap |
Newsletter abonnieren:
Suche:
en | fr | pt | es |

Schulen für das Volk I

Artikel drucken

Über den Werdegang der Wiener Volkshochschulen seit Ende des 19. Jahrhunderts schreibt Christian H. Stifter in seinem Buch „Geistige Stadterweiterung“, das einen Überblick über das Ansehen und die Ausrichtung der Wiener Volksbildungsvereine im Laufe der Jahre bietet.

22.06.2010 | Laura Köfler

Anfänge in den 1860ern

Wien stellte um die Jahrhundertwende eine sozio-kulturell höchst produktive „Brutstätte“ für die Entstehung innovativer Theorien und Forschungsansätze dar. Ihre Wurzeln haben die Wiener Volkshochschulen jedoch bereits in den 1860er und 1870er Jahren, als es zur Entstehung zahlreicher ArbeiterInnen- und Volksbildungsvereine kam. Dies bedeutete den Übergang der Phase der exklusiven Bildung für besser gestellte Gesellschaftsgruppen zur Phase der inklusiven und vernetzenden Bildung aller Erwachsenen, denn die neu gegründeten Vereine standen allen Interessierten aller Schichten offen, unabhängig ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Herkunft.

Aufbau von Volksbibliotheken

In den Jahren davor sollte das Aufkommen freisinniger Ideen innerhalb der Bevölkerung durch Bildungsinstitutionen noch durch eine strikte behördliche Kontrolle vermieden werden, um den Status Quo der habsburgischen Obrigkeit nicht zu gefährden. Dabei war es vor allem die Kirche, die die Inhalte der Bildungseinrichtungen maßgeblich bestimmte. Lediglich dem bürgerlichen Mittelstand und der Oberschicht war der Erwerb von Bildung, die über die Grundschule hinausging, möglich. Das vorausgesetzte Vorwissen und das zu zahlende Studiengeld erlaubten es anderen Bevölkerungsschichten nicht, universitäre Bildung zu genießen. Mit der Entstehung der ArbeiterInnen- und Volksbildungsvereine änderte sich dies jedoch, da sie sich dem Aufbau lokaler ArbeiterInnenbüchereien und Volksbibliotheken widmeten und zusätzlich grundlegende Kurse in Lesen und Schreiben anboten.

Bereits 1897 gegründet, widmete sich die Wiener Urania als Volksbildungsinstitut der Verbreitung naturwissenschaftlicher und technischer Kenntnisse. Hinter der Gründung des Volksheims Ottakring 1901, der ersten Wiener Volksuniversität, stand die Idee einer persönlichen Auseinandersetzung zwischen Lernenden und Lehrenden. Der große Anklang, den die Angebote der Vereine bei der Bevölkerung fanden, ist nicht zuletzt auf die verbreitete Annahme zurückzuführen, mit Hilfe von Wissenschaft auch die Lösung für gesellschaftliche Probleme zu finden. Der extreme BesucherInnenandrang in Wien lag unter anderem auch an der in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzten Industrialisierung und damit einher gehenden Urbanisierung und führte jedoch schon bald zu finanziellen und räumlichen Problemen in den Vereinen.

Politische Neutralität?

Wie die Urania verfolgte auch das Volksheim weder politische noch nationale Zwecke; beiderorts wurde an einer politischen Neutralität festgehalten. Allerdings wurde anhand der negativen Berichterstattung über das Volksheim in der damaligen Reichspost deutlich, dass die Urania sich weitaus mehr von der damaligen sozial-demokratischen ArbeiterInnenbewegung distanzierte, als es das Volksheim tat. Unter den damaligen drei Volksbildungsvereinen, dem 1893 gegründeten Wiener Volksbildungsverein, dem Volksheim und der Urania, hatte lediglich letzter neben aufklärerisch gesinnten Intellektuellen, die sich für demokratiepolischen Fortschritt und gesellschaftliche Reformen einsetzten, auch religiös-konservative Vortragende.

Während politische Themen wie die wachsenden antidemokratischen, antisemitischen Tendenzen im Zuge der Ersten Republik aus den Vorträgen zwar ausgeklammert wurden, bemühten sich jedoch sowohl Volksheim, Urania als auch Volksbildungsverein um die Schulung der kritisch-urteilenden Fähigkeiten der Menschen. Dabei taten die Vereine dies allerdings in unterschiedlichen Formen. Im Gegensatz zur Urania, die sich besonders auf Großveranstaltungen zu naturwissenschaftlichen und technischen Themengebieten spezialisiert hatte, waren das Volksheim und der Volksbildungsverein auf intensive Kurstätigkeit ausgerichtet, innerhalb derer sich die BesucherInnen durch Anleitung von ExpertInnen eigenständig Wissen aneignen sollten.

Zankapfel zwischen „Rot“ und „Schwarz“


Während der Ansturm auf die Volkshochschulen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges abflaute, vor allen Dingen von Seiten der männlichen Besucher, erlebte die Wiener Volkshochschulbewegung zu Zeiten der Ersten Republik ihre Hochblüte. Allerdings diente der Bildungsbereich sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Republik als politischer Zankapfel zwischen „Roten“ und „Schwarzen“. Während die Bemühungen der Volksbildungsvereine von Seiten der SozialdemokratInnen durchaus Wertschätzung erfuhren, zeigten sich die konservativ-katholischen PolitikerInnen weniger begeistert von deren Arbeit. Dies verdeutlichten sie mittels ihrer Kritik an der staatlichen Subventionierung des Volksbildungsvereins und des Volksheims, die sich bisher größtenteils durch Spenden finanziert hatten.



 Stadterweiterung_1.jpg Stifter, Christian H. (2005): Geistige Stadterweiterung: Eine kurze Geschichte der Wiener Volkshochschulen 1887-2005. Weitra: Verlag der Provinz.
ISBN: 3902416068
Seitenanzahl: 183 Seiten
Preis: € 18



Die Autorin studiert Internationale Entwicklung ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
toptop Artikel drucken

Vielfalt der Kulturen - ungleiche Stadt

Logo_UngleicheVielfalt.jpg

Hauptschule trifft Hochschule

schule_luftballons1.jpg

Schwerpunkt Theater

Marionette.jpg
   © Thomas Haug

Solidarökonomie

ecosol1.jpg

Volksbildung in Brasilien

brasilpequeno.jpg

eigene Publikationen

books130.jpg

Buchempfehlungen

Buch.jpg

Filme

kamera.jpg



Home | Impressum | Sitemap | Kontakt

© Paulo Freire Zentrum