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Der fünfte Teil dieser Artikelserie widmet sich den persönlichen Ansichten und Reflexionen eines Bewerbungstrainers im AMS-nahen Bereich, der von seinen Erfahrungen in der Jobvermittlung und den damit verbundenen Fragen zur Wirksamkeit von Bildung in diesem Segment berichtet.
Vordergründig besteht meine Aufgabe darin, dass ich meine TeilnehmerInnen – sofern sie bereits wissen, was sie arbeiten wollen – darin schule, Jobs im Internet zu recherchieren, richtige (?) Lebensläufe und Bewerbungsschreiben zu verfassen und sie darin zu schulen, wie man sich in einem Bewerbungsgespräch – sofern es soweit kommt – korrekt verhält und sich gleichzeitig gut verkauft. Sprich meine Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, einen Job zu bekommen. Wann bin ich wirksam, erfolgreich? Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet bin ich erfolgreich und wirksam, wenn möglichst viele meiner TeilnehmerInnen während des Kurses oder so schnell wie möglich nach der Beendigung des Kurses eine Erwerbstätigkeit finden. Ist es aber wirklich mein Erfolg, wenn einE TeilnehmerIn einen Job findet? Bin ich in meiner Tätigkeit wirklich das wesentliche Element, das zu diesem Erfolg, dem Finden einer Erwerbstätigkeit, geführt hat? Und noch viel wichtiger, wie definiere ich meinen Erfolg und meine Wirkung bei den vielen, die nicht so schnell eine Arbeit oder keine Arbeit finden? Ein kurzes und vereinfachtes Beispiel soll das damit einher gehende Dilemma verdeutlichen. Ich habe zehn TeilnehmerInnen in meinem Kurs, die sich neben anderen, die nicht in meinem Kurs sind, für einen Job bewerben. Ich bereite alle so gut ich kann auf den Bewerbungsprozess vor. EineR bekommt den Job, neun andere (neben den anderen, die sich auch um diesen Job beworben haben) bekommen ihn nicht. Bin ich nun ein erfolgreicher, wirksamer Trainer, weil eineR den Job bekommen hat oder habe ich versagt, weil neun TeilnehmerInnen den Job nicht bekommen haben? War der Kurs bzw. die Maßnahme erfolgreich oder nicht? Auf diesem Weg komme ich nicht zu einer für mich schlüssigen und täglich lebbaren Begrifflichkeit von Erfolg und Wirkung in meiner Tätigkeit. Tatsache: zu wenige Arbeitsplätze Ohne den/die ArbeitssuchendeN aus seiner/ihrer individuellen Verantwortung entlassen zu wollen, hilft für die Beantwortung meiner Frage nach Wirkung und Erfolg in meiner Tätigkeit ein Blick auf die allgemeine Arbeitsmarktsituation. Hier nun einige oberflächliche Daten (Quelle: Profil 12/2010; Die große Job-Lüge): • Im Jahr 2009 waren 852.000 Menschen einmal arbeitslos – etwa jedeR vierte Erwerbstätige. • Es gibt geschätzte 135.000 versteckte Arbeitslose. • EinE ArbeitssuchendeR ist durchschnittlich 100 Tage arbeitslos. • Zwei Drittel der Arbeitslosen werden innerhalb von drei Monaten vermittelt. Es ist einfach festzuhalten, dass unsere Gesellschaft nicht für alle Arbeitsplätze „produziert“. Wir leben seit einigen Jahren mit einer Sockelarbeitslosigkeit von ungefähr 10%. Eine gute Bildung und Ausbildung erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit und die Chance für den/die EinzelneN, sich in diesem Wettbewerb zu behaupten, sie generieren aber nicht ursächlicherweise neue oder mehr Jobs. Innerhalb dieses Systems gibt es immer VerliererInnen, also jene, die aktuell keinen Job finden (siehe das oben angeführte Beispiel mit den 10 TeilnehmerInnen). VerliererInnen im System Wie kann und soll ich meinen Erfolg und meine Wirkung innerhalb eines Systems definieren, das ursächlicherweise „VerliererInnen produziert“? Und Menschen, die sich als „gefühlte VerliererInnen“wahrnehmen, machen den Großteil meiner TeilnehmerInnen aus. Ich denke, dass meine TeilnehmerInnen sich dann nicht mehr als VerliererInnen fühlen, wenn sie sich wieder als tätige, in die und auf die Welt wirkende, als gestaltende Individuen wahrnehmen. Sie wurden in dem Moment zu gefühlten VerliererInnen, als sie ihren Job verloren haben und gleichzeitig ihr Tätig-Sein und ihre wirkende Teilnahme am Leben und an der Welt ausschließlich an einer Erwerbsarbeit festgemacht haben. Diese Gleichsetzung von Erwerbsarbeit mit dem Bedürfnis und der Notwendigkeit individuellen Tätig-Seins wird durch gesellschaftliche Strömungen natürlich sehr stark unterstützt, wenn nicht sogar gefordert. Ich meine mit Tätig-Sein nicht Frühstück machen, Wohnung putzen und ähnliches. Ich meine mit Tätig-Sein jenes zu leben, jenes bewusst zum Ausdruck zu bringen, was das jeweilige Individuum „einzig-artig“ macht. Tätigkeit um ihrer selbst willen Paradoxerweise erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eineN TeilnehmerIn, einen Job zu finden, erheblich, wenn er/sie seine/ihre Zufriedenheit und seinen/ihren gefühlten Erfolg nicht von dem Job abhängig macht, sondern in seiner/ihrer individuellen Tätigkeit findet. Das aus mehreren Gründen: • Er/Sie ist zufrieden und hat ein kraftvolles Auftreten, u.a. im Bewerbungsgespräch, das ihm/ihr kein Training vermitteln kann. • Er/Sie trifft über seine/ihre Tätigkeit, sofern sie minimale kommunikative Elemente aufweist, andere Menschen, die potentielle ArbeitgeberInnen sein können oder Menschen kennen, die neue MitarbeiterInnen suchen (neudeutsch nennt man das networken). • Er/Sie lebt in der Gegenwart und kann über seine/ihre tätige Gegenwart sprechen – im Gegensatz dazu kann er/sie nur darüber sprechen, was er/sie früher gearbeitet hat und was er/sie später arbeiten will. Mein Erfolg und meine Wirkung ist der Zauber in den Augen der TeilnehmerInnen, sich nicht mehr als VerliererInnen wahrzunehmen, sondern sich wieder bewusst und kraftvoll als GestalterInnen ihres Lebens zu sehen. Es ist eine Stimmung in der Gruppe, die ich als Aktivierung und Kultivierung von Tätigkeit um ihrer selbst willen als Selbst-Wirksamkeit beschreiben möchte. Diese Wirkung, dieser Erfolg ist nicht direkt zu erzielen, ich kann es nicht bewirken, ich kann es nur ermöglichen, es erfolgt. Es ist auch nicht messbar, in Statistiken darstellbar. Es ist aber spürbar – in der Begegnung. Es hilft und das ist schon einiges. Das hier skizzierte Verständnis von Erfolg und Wirkung im AMS-nahen Bereich kann natürlich nur eine Gedankenskizze sein und soll die „klassischen“ Bewerbungsformen (Blindbewerbungen, Inserate, etc.) nicht ersetzen. Es soll Grundlage für eine Begrifflichkeit von Wirksamkeit als auch eine Ergänzung sein. Der Autor ist u.a. Erwachsenentrainer im AMS-nahen Bereich. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at. Lesen Sie auch die anderen Teile der Artikelserie: Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung I (Katharina Fritsch) Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung II (Buchrezension zu Bildungsqualität von Katharina Fritsch) Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung III (Philip Taucher) Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV (Helmuth Hartmeyer)
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