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Das Buch „Geistige Stadterweiterung“ von Christian Stifter berichtet von den politischen Eingriffen auf das Wiener Volksbildungswesen zu Zeiten des Nationalsozialismus und dem späteren Werdegang der Volkshochschulen bis in die Gegenwart.
Verbrüderung von Wissenschaft und Arbeit Die frühe Volkshochschularbeit basierte auf einer edukativen Versöhnungstheorie der Klassen und sollte eine Verbindung zwischen der Kultur des Buches und jener der Arbeit darstellen; Wissenschaft und Arbeit sollten verbrüdert werden. In diesem Zusammenhang konnten die damaligen Volkshochschulen auch als „sozialer Erlebnisraum“ verstanden werden, als egalitäres Forum, wo sich „oben“ und „unten“ gleichrangig begegnen und kennen lernen konnten. Diesbezüglich stellte vor allem die ArbeiterInnenschaft das Zielpublikum der Volksbildungsvereine dar. Ebenso machten Frauen, die vor 1879 noch vom Absolvieren eines Studiums ausgeschlossen waren, einen wesentlichen Anteil der BesucherInnen aus. Während um die Jahrhundertwende noch 35 Prozent der Lernenden Frauen waren, lag 1905, kurze Zeit später, deren Anteil bereits bei über der Hälfte. Altersmäßig waren die meisten BesucherInnen zwischen 20 und 30 Jahren. Gewähr vaterländischer und staatstreuer Volksbildung Bereits durch die Ernennung Karl Luegers zum Bürgermeister Wiens kamen die ersten Forderungen, Juden von den aktiven Bildungsprozessen auszuschließen. Mit dem Einzug des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus änderte sich die Bildungslandschaft in Wien jedoch schlagartig. 1934 wurde mit der Neugestaltung des Volksbildungswesens begonnen: Volkshochschulen wurden aufgrund der Unterstellung, kommunistische Einflüsse zu haben, durch personelle Änderungen und der Einstellung bestimmter Kurse in regimekonforme Einrichtungen umgewandelt. Jedoch auch in den Volks- und ArbeiterInnenbüchereien wurden massive Umgestaltungen vorgenommen. Mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen 1938 verschlimmerte sich die Lage zunehmend. Bisherige Kultur- und Bildungseinrichtungen wurden aufgelöst. Ab 1941 wurde die Bildung für politische Zwecke missbraucht und zum reinen Propagandainstrument umfunktioniert. Nach Stillstand folgt Aufschwung In der Nachkriegszeit wurde der Wiederaufbau der Erwachsenenbildungseinrichtungen durch die Situation allgemeiner Orientierungslosigkeit, materieller Not und einem generellen Zusammenbruch der Infrastruktur, anderen Zielen hinten angestellt. Eine simple Fortsetzung der bisherigen Wiener Volkshochschulbildung war durch den verursachten „brain drain“ (Emigration besonders gebildeter Menschen oder Fachkräften) nicht möglich, denn nachdem sowohl viele der DozentInnen als auch der HörerInnen bereits emigriert und andere bedeutende WissenschaftlerInnen dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen waren, gab es nur noch wenige schulische Führungspersönlichkeiten im Lande. Auch die Volksbildungshäuser selbst hatten durch Bombentreffer zum Teil schwere Schäden erlitten. In den 1950er Jahren schließlich erlebte der Volksbildungsbereich Wiens erneut Aufschwung: Neue Volkshochschulen sowie Sondereinrichtungen (zum Beispiel eine künstlerische Volkshochschule) entstanden. Außerdem kam es zur Gründung des Dachverbands aller lokalen Volkshochschulen – dem Verband Wiener Volksbildung. Die Angebote verlagerten sich zunehmend auf praxisorientierte und tägliche Tätigkeiten (Kleidermacher- und Sprachkurse). Zunehmende Professionalisierung Während die Volkshochschulen zwar an ihrer politischen Neutralität festhielten, wurden nun jedoch auch vermehrt Vorträge zu politischen Tagesthemen angeboten und man bemühte sich um eine kritische und offene Diskussion zeitgeschichtlicher Fragen. Politische Bildung wurde zu einem Charakteristikum der Volkshochschularbeit nach 1945. Ab den 1960er Jahren wurde vermehrt in die räumliche und infrastrukturelle Ausstattung der Wiener Volkshochschulen investiert. Diese grundlegenden Veränderungen gingen auch mit Erneuerungen des inhaltlichen Programmangebots einher. Dieses differenzierte sich zunehmend aus und so setzten die einzelnen Volkshochschulen mit der Zeit unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Ausrichtung. Die 1970er Jahre waren geprägt von einer Modernisierung des Schul- und Universitätssystems, das sich verstärkt auf eine stetige Professionalisierung konzentrierte. In den letzten zwei Jahrzehnten setzten viele der Volkshochschulen ihren Fokus auf neuere wissenschaftliche Bereiche wie Computer- und Animationstechnik. Aber auch soziale und ökologische Inhalte stehen immer mehr im Vordergrund des Volkshochschul-Angebots. Zeitalter „lebenslangen Lernens“ Im Laufe der Jahre hat sich das positive Bild der Wissenschaft jedoch bei einigen Menschen gewandelt. Viele haben ihre Wissenschaftsgläubigkeit zugunsten einer Wissenschaftsskepsis aufgegeben und sehen in ihr mittlerweile viel mehr ein Instrument kapitalistisch-militärischer UnternehmerInnen und politischer Führungspersonen. Dennoch nimmt Bildung in unserer Zeit einen wesentlichen Bestandteil unseres Lebens ein, nicht zuletzt deshalb, weil, wie Stifter bereits in seinen einleitenden Worten bemerkte, wir uns in einem Zeitalter des „lebenslangen Lernens“ befinden. Lesen Sie auch Schulen für das Volk, Teil 1.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.
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