Navigationshilfe:

Sitemap |
Newsletter abonnieren:
Suche:
en | fr | pt | es |

Roma und die Kirche(n)

Artikel drucken

Mit dem Bericht zum Vortrag „Antiziganismus und die Kirche“ wurde bereits ein kleiner Einblick in die Rolle der Kirche im Umgang mit Roma und Sinti geboten. Näher beleuchtet wird die ambivalente Rolle der Kirche im Buch „Antiziganismus und Religion“ von Gernot Haupt.

25.06.2010 | Laura Köfler

Betteln und Stehlen

Bereits aus dem 15. Jahrhundert gibt es Nachweise antiziganistischer Äußerungen von Seiten der Kirche. So bezeichnete ein damaliger Erzbischof „ZigeunerInnen“ als Diebe, die ihr Leben mit Betteln und Stehlen verbringen würden. Auch in den Schriften Martin Luthers ist eine antiziganistische Haltung klar zu erkennen. KirchenvertreterInnen, die sich für Roma und Sinti einsetzten, wurden von den kirchlichen Oberhäuptern für ihr Engagement getadelt. Um 1700 spitzte sich die Situation zu und der Erzbischof von Mainz rief dazu auf, „Zigeuner und andere diebische Vagabunden“ hinzurichten.

Zwar weniger offensiv, jedoch weiterhin hart war die Vorgangsweise der Kirche schließlich in den 1830er Jahren, als Projekte initiiert wurden, die die „Zivilisierung der ZigeunerInnen“ zum Ziel hatten. Dabei wurden den Familien die Kinder weggenommen und Erwachsene in Arbeitshäuser eingewiesen. Diese Form der „Zivilisierung“ wollte man in den 1940ern in Bulgarien unter anderem durch eine zwanghafte Assimilierung und der Bekehrung zum Christentum erreichen.

Defragmentierung folgt Refragmentierung


Mit dem Aufschwung des Pfingstchristentums in den 1950er Jahren kam es zu einer weltweiten offensiven evangelikalen Roma-Mission. Der Erfolg dieser Bewegung, der sich vor allem unter den besonders verarmten Roma zeigte, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass es den Roma im Rahmen des Pfingstchristentums möglich war, als Pastoren selbst Führungspositionen einzunehmen. Dies erhöhte ihr Sozialprestige, was wiederum einen Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft erleichterte. An dieser Stelle hebt Haupt allerdings hervor, dass eine solche Defragmentierung häufig abermals eine Refragmentierung zur Folge hatte, da es meist bei der Entstehung ausschließlicher Roma-Kirchen blieb und damit keine Verknüpfung zu anderen Kirchengemeinschaften zu Stande kam. Dies stellt die tatsächliche und vollkommene Aufnahmebereitschaft der Pfingstkirche in Frage.

„Zigeuner- und Nomadenfürsorge“


In Deutschland kam es zu jener Zeit zur Gründung der katholischen „Zigeuner- und Nomadenfürsorge“, die in dieser Form von 1969 bis 1986 bestand. Erschreckend hierbei ist, dass einstige WissenschaftlerInnen der Rassenhygienischen Forschungsstelle in der neu gegründeten Organisation ohne Probleme ihre „Karriere“ fortsetzten konnten. In ihrer Position als Sozialarbeiterin sprach Silvia Sobeck in Vorträgen und Kongressen in Bezug auf Roma und Sinti von „degenerierten Entwicklungszügen in dieser Siedlungsgruppe“. Dies konkretisierte sie in Texten, in denen sie Roma und Sinti die Fähigkeit, rational und logisch zu schlussfolgern, absprach, sie als primitiv und ungebildet charakterisierte und in Folge dessen die Notwendigkeit betonte, sie von den „Symptomen der Entwicklungsrückständigkeit“ zu befreien. Gleichzeitig jedoch rief sie zu Toleranz gegenüber dieser abweichenden Lebensweise auf.

„Nomadentum als Wesensmerkmal“

Die offiziellen Grußbotschaften des Papstes zu Konferenzen für die Seelsorge der Roma und Sinti zeigen deutlich, dass hier von der Wanderschaft, vom Nomadentum als Wesensmerkmal der Roma ausgegangen wird. Ersichtlich wird dies an Auszügen aus der Rede von Papst Paul VI 1965: „Euch unseren Gruß, […] ihr freiwilligen Flüchtlinge. Euch, denen qualifizierte Arbeit fehlt, denen soziale Kontakte fehlen […]. Euch, die ihr immer und überall Fremde sein wolltet, isoliert, fremd, ausgeschlossen aus jedem gesellschaftlichen Kreis […] ihr seid arm und bedürft des Beistandes, der Unterweisung, der Hilfe“ (Paul VI zitiert nach Haupt 2005).

Auch wenn diese Rede als die erste öffentliche wohlwollende Zuwendung der Kirche zu den Roma gilt, muss dennoch auf die Formulierungen, die typische antiziganistische Stereotype aufzeigen, hingewiesen werden. Durch die Romantisierung des isolierten „Zigeuner-Lebens“ und die diesbezügliche Schuldzuweisung an die Roma und Sinti werden bestehende Vorurteile reproduziert. Die Roma-Pastoral war in ihren Anfängen von Vorstellungen geprägt, die durch antiziganistische Stereotypen und einem paternalistischen Konzept gekennzeichnet waren und die Roma zum Objekt von Erziehung und Seelsorge machten.

Ambivalente Haltung

Solche Zuschreibungen und Auffassungen wiederholten sich in den päpstlichen Reden der späteren Jahre. So sprach Papst Johannes Paul II 1989 von einer „mangelnden Integration in die Arbeitsgesellschaft“ und stellt damit Forderungen an die Roma und Sinti; betonte gleichzeitig jedoch auch die Verantwortung, die der Dominanzgesellschaft bezüglich der Integration von Roma und Sinti zukomme.

Die unterschiedlichen Zugangsweisen und Ausgangspunkte der KirchenvertreterInnen wurden auch beim „Weltkongress der Seelsorge für Zigeuner“ 2003 deutlich. Während einige Vortragende darauf verwiesen, dass der Antiziganismus lediglich durch die Bekehrung der Mehrheitsbevölkerung überwunden werden könne, stellten andere abermals das Nomadentum als scheinbares Wesensmerkmal der Roma und Sinti in den Mittelpunkt und hoben damit die Differenz zur Dominanzgesellschaft hervor.

Schuldbekenntnis

In dem 2006 von der Kirche verfassten Dokument „Orientierungen für eine Pastoral der Zigeuner“ wird betont, dass in der Kirche kein Platz für Ausgrenzung und Marginalisierung sei und es aufgrund der häufig verfälschten medialen Darstellung der Roma und Sinti einer veränderten Bewusstseinsbildung der Bevölkerung bedürfe. Ebenfalls angesprochen wird auch die Verschuldung der christlichen Dominanzgesellschaft an der seither permanenten Flucht von Roma und Sinti sowie deren Unterwerfung durch eine permanente Evangelisierung. Die Kirche ruft dazu auf, die Bildung von Roma-Organisationen zu unterstützen und fordert, dass sich auch kirchliche Institutionen verstärkt für die Belange von Roma und Sinti einsetzen sollen. Dabei soll ein Perspektivenwechsel erfolgen, indem die Betroffenen in ihrer Rolle als ProtagonistInnen und nicht als reine Objekte wahrgenommen werden.

Obwohl also seit den ersten päpstlichen Äußerungen über Roma eine klare Analyse der antiziganistischen Exklusion aus Gesellschaft und Kirche erfolgte, konnten traditionelle ethnisierende Zuschreibungen essentialistischer Merkmale allerdings noch nicht vollkommen überwunden werden.

 Haupt.jpg Haupt, Gernot (2009): Antiziganismus und Religion. Elemente einer Theologie der Roma-Befreiung.
Münster u.a.: LIT-Verlag 2009, Reihe: Relitionswissenschaft Bd. 17, 240 S., 24.90 EUR, br., ISBN 978-3-8258-1765-7



Die Autorin studiert Internationale Entwicklung ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.

toptop Artikel drucken

Vielfalt der Kulturen - ungleiche Stadt

Logo_UngleicheVielfalt.jpg

Hauptschule trifft Hochschule

schule_luftballons1.jpg

Schwerpunkt Theater

Marionette.jpg
   © Thomas Haug

Solidarökonomie

ecosol1.jpg

Volksbildung in Brasilien

brasilpequeno.jpg

eigene Publikationen

books130.jpg

Buchempfehlungen

Buch.jpg

Filme

kamera.jpg



Home | Impressum | Sitemap | Kontakt

© Paulo Freire Zentrum