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Um „Demokratische Planung und solidarische Ökonomie“ ging es unter anderem bei der 14. Jahrestagung des Instituts für kritische Theorie Berlin, die vom 3.- 6. Juni in Esslingen stattfand.
Meine bisherigen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Tagungen lehrten mich, dass eine gute Vorbereitung für ein solches Zusammentreffen vier Tage präventives Fasten, vollkommene Nüchternheit und das Schaffen von genügend Stauraum für Visitenkarten beinhalten sollte. Thema und Inhalt gehen oft unter, wenn wertvolle Kontakte geknüpft, „eressen“ und „ertrunken“ werden müssen. Die gemächliche Anreise in der Baden-Württembergischen Regionalbahn, die mich und eine Wiener Kollegin durch verschlafene Orte wie „Kuchen“ führte, bestärkte unterbewusst meine Erwartung, dass ein kulinarisch überdeterminiertes Wochenende bevorstehe. Die Zusammenkunft war durchaus dem Kulinarischen nicht abgeneigt, jedoch anders als erwartet. Marxistisches Rund 100 TagungsteilnehmerInnen aus zwölf verschiedenen Ländern trafen sich im Tagungshotel Esslingen zur Jahrestagung des Instituts für kritische Theorie Berlin und arbeiteten über das Fronleichnamswochenende am Hauptprojekt des Instituts, dem Historisch Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM). Den erwarteten Gaumenfreuden näherte sich nach meiner Ankunft der Vortrag zu „Care Economy und gesellschaftlicher Planung“ der Schweizer feministischen Ökonomin Mascha Mädorin. Dabei lernte ich, dass, der neuen Schweizer Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung folgend, das Zubereiten von Mahlzeiten die umfangreichste unbezahlte wirtschaftliche Tätigkeit sei, und diese einen wesentlichen und in der Krise wachsenden Teil der Wirtschaftsleistung ausmache. Allerdings werden derartige Leistungen anderswo kaum systematisch registriert. Mädorin wies im Bereich der betreuenden, pflegenden, beratenden, zwischenmenschlichen Dienstleistungen auf eine theoretische Lücke u.a. in der marxistischen Theoriebildung hin. Da in diesem Bereich andere Zeit-, Arbeits- und Beziehungslogiken sowie andere Formen der Wertschöpfung und Ausbeutung vorherrschen, reiche hier die bisherige marxistische Analyse des Kapitalismus nicht aus. Kulinarisches Nach praktischen Übungen in Kulinarik am von den MitarbeiterInnen des Tagungshotels zubereiteten Abendbuffet lernte ich in einer „Wörterbuchwerkstatt“ Theoretisches zum Thema. In solchen parallel laufenden „Wörterbuchwerkstätten“ stellten die AutorInnen eines Stichwortes für das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus ihren Textvorschlag zur Diskussion. Fachkundige KollegInnen präsentierten einen Kommentar zu diesem Vorschlag. Peter Jehle und Thomas Weber erörterten unter dem Stichwort „Kulinarisches“ wie sich Brecht dem Thema annahm. Dieser stellte die kulinarische Dimension des guten Lebens, das „Essen, Trinken, Wohnen, Schlafen, Lieben, Arbeiten, Denken“, der Kulinarik als bloße Haltung, vom Inhalt gelöste Form, „Kult des Schönen“ gegenüber. So müsse man Genuss kennen, um überhaupt für das gute Leben streiten zu können, folgen Weber und Jehle Brechts Argument. Das Streben nach Genuss werde jedoch zum bloßen Hedonismus „in dem es sich aus der Einbettung in gesellschaftliche Tätigkeit herauslöst und verselbständigt“ – im Denken wie im Handeln. Solidarisches Ob es sich bei der Kritik im entsprechenden Institut um eine, wie Brecht sie nennt, rein kulinarische handelt, die „sich auf das Schlürfen von Details“ beschränke, wo schon eine allgemein verbindliche Lehre feststehe, wollte ich an den folgenden Tagen herausfinden. Der Genuss lag für die im Institut Engagierten sichtlich in der zu verrichtenden Arbeit. Die Wörterbuchwerkstätten behandelten Stichwörter für den achten Band des HKWM mit den Anfangsbuchstaben K, L und M. Bei A begann man Anfang der 1990er Jahre, wer sich beispielsweise für das Stichwort „Wert“ interessiert wird im Editionsplan auf das Erscheinungsjahr 2026 vertröstet. Dagegen wurde das Schwerpunktthema „Demokratische Planung und solidarische Ökonomie“ mit sechs Podiumsdiskussionen in Folge beinahe an einem einzigen Tag abgehandelt. Der Vormittag war den bisherigen kommunistischen und sozialdemokratischen Erfahrungen mit gesellschaftlicher Planung gewidmet. WissenschafterInnen wie der Berliner Klaus Steinitz, der selbst in der zentralen Planungskommission der DDR mitwirkte, berichteten von ihren Erfahrungen und diskutierten, was für die Zukunft daraus gelernt werden könne. Am Nachmittag und Abend standen Perspektiven einer solidarischen Ökonomie im 21. Jahrhundert am Menü. So wurden Konzepte wie Frigga Haugs 4in1 Perspektive, das bedingungslose Grundeinkommen, eine Halbtagsgesellschaft, partizipative Demokratie und solidarische Ökonomie auf Basis solarer Energie und Kybernetik diskutiert. Es ging ums Ganze, nicht um das Schlürfen von Details. Mönchisches Von der Menge und Dichte des an diesem langen Tag Gelernten noch völlig benommen wankte ich zu einem Willkommenstrunk für alle erstmaligen TeilnehmerInnen an einer Tagung des Instituts für kritische Theorie. Ohne wissentlich in einen Orden eingetreten zu sein als „Novizen“ angesprochen, warben die Ältesten des Instituts mit einem Glas Wein um Engagement bei den vielfältigen fast zur Gänze ehrenamtlich erfüllten Aufgaben rund um das HKWM. Durchaus mit Erfolg – der Wein erfüllte seinen Zweck. Mit dem Selbstbewusstsein eines Novizen diskutierte es sich tags darauf auch leichter in den zahlreichen Wörterbuchwerkstätten mit Leuten, von denen ich bisher nur Bücher gelesen hatte und von denen ich immer überzeugt war, dass sie die Marx-Engels Gesamtausgabe auswendig gelernt haben müssen. Nun, spätestes nach getaner Arbeit stellte sich bei einer historisch kritischen Wanderung ins nahegelegene Weindorf Stetten heraus, dass die Kenntnis vom guten Leben kein Geheimwissen dekorierter ProfessorInnen ist, sondern mindestens genauso in den Zuständigkeitsbereich des örtlichen Bademeisters und Soziologen Ebbe Kogel fiel, der in die lokale Kulturgeschichte einführte. Der Sonntag brachte die letzten Wörterbuchwerkstätten, ein Abschlussplenum und die Heimreise eines vom Lernen, Diskutieren, Essen und Trinken, also vom guten Leben etwas erschöpften Novizen. Literatur: Aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Argument: Haug, Frigga; Haug, Wolfgang Fritz; Jehle, Peter (Hrsg.): Gesellschaftliche Planung und solidarische Ökonomie, Das Argument 286, 52. Jg, 2010, Heft 2, Hamburg Aktueller Band des HKWM: Haug, Frigga; Haug, Wolfgang Fritz (Hrsg.): Historisch Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 7/2 Knechtschaft bis Krise des Marxismus, Argument, Hamburg 2010.
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