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Gedichtinterpretation als Mittel, "die Welt lesen zu lernen"

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Die AutorInnen beschreiben ein Volksbildungsprojekt in Pernambuco im Nordosten Brasiliens. Übersetzt und eingeleitet von Markus Auinger.

25.09.2006 | AutorInnenkollektiv*

Einleitung von Markus Auinger

Dieser Artikel liefert einen exemplarischen Einblick in aktuelle Entwicklungen der Volksbildung (educação popular) im Nordosten Brasiliens. Er beschreibt ein Projekt zur Unterstützung und Begleitung von Lehrenden, die in der Jugendlichen- und Erwachsenenbildung tätig sind.

Das hier beschriebene Projekt PADEJA (Projeto de Apoio e Acompanhamento as Docentes de Educação de Jovens e Adultos) entstand im Rahmen der Kampagne "Education for All", die bereits 1990 von der UNESCO initiiert wurde. 1989 war vom kommunalen Bildungssekretariat São Paulos, unter der Leitung von Paulo Freire, die “Bewegung der Alphabetisierung von Jugendlichen und Erwachsenen” (Movimento da Alfabeticação de Jovens e Adultos – MOVA [pdf-Dokument, Portugiesisch]) ins Leben gerufen worden, die in verschiedenen Projekten bis heute fortbesteht. An der bundesstaatlichen Universität Pernambucos (UFPE) in Recife wurden in diesem Zusammenhang mehrere Projekte ins Leben gerufen, die sich an verschiedene soziale Gruppen richteten.

Das gegenständliche Projekt hat als Zielpersonen vor allem Lehrende, mit denen gemeinsam alternative Zugänge zu didaktischen Methoden im Unterricht von Jugendlichen und Erwachsenen erschlossen werden sollen. Die öffentlichen Schulen, an denen diese Methoden angewandt werden sollen, befinden sich im unmittelbaren geografischen Umfeld der UFPE, die wiederum an der einkommensschwachen Peripherie von Recife angesiedelt ist. Wie in anderen erweiterten Universitätsprojekten wird auch hier versucht, eine möglichst enge Verbindung zwischen Hochschule und Gesellschaft herzustellen. Auf diese Weise sollen einerseits der sozialen Isolation des Hochschulwesens entgegengewirkt und andererseits akademischen Kompetenzen für die Lösung dringender sozialer Probleme genutzt werden. Die offene und gleichberechtigte Herangehensweise ermöglicht es dabei einen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.


Gedichtinterpretation als Mittel, "die Welt lesen zu lernen"

* von Sérgio Paulino Abranches, Éder Lira de Souza Leão, Renata Carneiro de Holanda, Sofia Leal Batista, Soraya Nejaim Moura e Silva, Taciana Pontual da Rocha Falcão


Das Projekt besteht im Wesentlichen aus vier zentralen Achsen, die gleichzeitig die unterschiedlichen Etappen im Zeitverlauf darstellen:

• Konzeption des Projektablaufs sowie der Unterrichtseinheiten gemeinsam mit den Lehrenden
• Förderung der Bibliotheksbenutzung zur Steigerung der Lern- und Lesemotivation der SchülerInnen
• Abhaltung vom Kunst- und Leseworkshops, in denen die zuvor erarbeiteten pädagogischen Methoden angewandt werden
• Verwendung digitaler Medien als Instrument zur Förderung der selbständigen und nachhaltigen Auseinandersetzung mit Bildungsinhalten.

Auf Basis dieser vier Achsen wird versucht, eine Synthese zwischen der schulischen Realität und dem pädagogischen Konzept des Projekts herzustellen. Dabei wird Alphabetisierung als Synthese zweier zentraler Dimensionen verstanden, die sich gegenseitig ergänzen. Einerseits sollen die Fertigkeiten, die für das Schreiben und Lesen nötig sind, gemeinsam erarbeitet werden. Andererseits ist aber der Zugang zu Text- und Bildmaterial – beispielsweise über die Schulbibliothek bzw. das Internet – ebenso wichtig, um die teilnehmenden Personen zum eigenständigen "Lesen der Welt" zu ermächtigen. Dafür soll die gemeinsame Auseinandersetzung mit Kunst und Textmaterial gefördert werden, im Zuge derer das Verstehen über das gemeinsame Erarbeiten und Interpretieren der Inhalte ermöglicht wird.

Ablauf des Projekts

Im letzten Trimester 2005 wurde im Rahmen von PADEJA mit Lehrenden und SchülerInnen der Kommunalschule Escola Municipal do Pilar aus dem Bezirk Pilar im Zentrum Recifes zusammengearbeitet. Ungefähr 34 Jugendliche und Erwachsene – aufgeteilt auf je eine Vormittags- und Nachmittagseinheit – waren dabei insgesamt für das Programm matrikuliert. Die Räumlichkeiten wurden von der Kommunalschule Escola Municipal do Pilar zur Verfügung gestellt.

Die Vormittagseinheit besuchten vor allem ArbeiterInnen der Verladestelle des Hafens von Recife, die aufgrund der an ihrem Arbeitsort üblichen unregelmäßigen Einsatzzeiten oft nicht die ganze Einheit anwesend sein konnten. Sie wurden oft kurzfristig während des Unterrichts zur Arbeit abberufen, was zu einer stark fluktuierenden Anwesenheit innerhalb der Gruppe führte. Im Gegensatz dazu wurde die Nachmittagseinheit vor allem von Angestellten der Abteilung für Umweltaufsicht im Rathaus von Recife und einigen BewohnerInnen des umliegenden Bezirks besucht. Hier gab es eine weitaus höhere Anwesenheit und Beteiligung der SchülerInnen.

Ganz im Sinne des Bildungskonzepts von Paulo Freire einigte man sich in der Vorbereitung der Workshops darauf, die Inhalte der Unterrichtseinheiten möglichst stark an der sozialen Realität der Beteiligten auszurichten. Die Werke des Dichters Antônio Gonçalves da Silva – in Brasilien weitläufig unter dem Namen Patativa do Assaré bekannt – sollten als Ausgangsmaterial dafür dienen, sich Schreib- und Lesefertigkeiten gemeinsam zu erarbeiten. Seine sozialkritischen Texte fanden vor allem seit den 1950er Jahren starke Verbreitung in Brasilien.

Im Zuge der Workshops wurden die Werke von Patativa do Assaré in den biografischen, sozialen und historischen Kontext gestellt, und damit ein reflektiertes Vorgehen im jeweiligen Rhythmus der beiden Unterrichtsgruppen ermöglicht. Die SchülerInnen erarbeiteten sich die Inhalte der Texte dabei auf mehrere Arten: zuerst wurden sie auf schauspielerische Weise nachgestellt, um unterschiedliche Interpretationen der sprachlichen Ausdrucksweise zu verdeutlichen. Die TeilnehmerInnen beschäftigten sich weiters intensiv mit der Biografie des Autors. Auf diese Weise versuchten sie, die Entstehung der Gedichte nachzustellen und die Verbindung zum Leben des Dichters zu identifizieren. Danach bediente man sich einzelner Bilder aus der Region des sertão, auf die der Autor in seinen Werken anspielte, um die Texte in ihren geografischen Kontext zu stellen. Die SchülerInnen diskutierten auf Basis der Bilder die Eindrücke, die damit bei ihnen ausgelöst wurden. Abschließend arbeiteten sie dann daran, diese Eindrücke niederzuschreiben. JedeR produzierte auf diese Weise in seiner/ihrer individuellen Geschwindigkeit einen eigenen Text, der später einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden konnte.

Nach der Fertigstellung der Texte wurde mit den TeilnehmerInnen der Umgang mit Computer und Internet erarbeitet. JedeR hatte dabei einen eigenen PC zu seiner/ihrer eigenen Verwendung, was als zentral für die emanzipative und gleichberechtigte Unterrichtsform betrachtet werden kann. Nach einer gewissen Einarbeitszeit, in der sich die SchülerInnen alle sehr motiviert und interessiert beteiligten, konnten so die Texte digitalisiert werden und das Projekt befand sich kurz vor seinem Abschluss. Mit Unterstützung der Stadtverwaltung konnten die Arbeiten der TeilnehmerInnen schließlich in einer Bibliothek im historischen Zentrum Recifes präsentiert werden. Für diesen Anlass wurde zusätzlich eine schriftliche und filmische Dokumentation des Projekts produziert. Die TeilnehmerInnen publizierten ein Buch mit dem Titel "Patativas do Pilar" und stellten ein sechsminütiges Video zusammen, in dem der Ablauf des Projekts nachzuvollziehen war.

Weiterführende Literatur

Feitosa, Luiz Tadeu (2003): Patativa do Assaré: A trajetória de um canto. São Paulo: Escrituras Editora.

Freire, Paulo (1980): Conscientização: teoria e prática da libertação um introdutório ao pensamento de Paulo Freire. São Paulo: Moraes.

Freire, P. (1988): Na escola que fazemos: uma reflexão interdisciplinar em educação popular. Petrópolis: Vozes.

MOVA DIGITAL (2006): Projeto MOVA Digital. http://www.movadigital.pucsp.br/, 28.2.2006.

Sampson, B. C. (1998): Technology in Education – why bother? Hands On!, vol 21, n.2. http://www.terc.edu, 2.10.2005.


Der Text im portugiesischen Original: Patativas_do_Pilar (pdf, 22.44 KB)

Die AutorInnen studieren, lehren und arbeiten an der Universidade Federal de Pernambuco / Brasilien und der Universidad Católica Andrés Bello / Venezuela. Sie organisierten im Jahr 2005 gemeinsam das beschriebene Volksbildungs- und Alphabetisierungsprojekt PADEJA unter der Leitung von Sérgio Paulino Abranches.
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