Paulo Freire - eine Kurzbiographie |
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Paulo Freire wurde am 19.9.1921 in der Provinzhauptstadt Recife im Nordosten von Brasilien
geboren und wuchs in einer kleinbürgerlichen Familie auf. Während der
Weltwirtschaftskrise 1929 lernte er Armut und Hunger kennen.
Paulo Freire wollte fortan sein Leben dem Kampf gegen den Hunger widmen, später wird er den Kampf gegen die Unterdrückung aufnehmen. Freire erwarb einen Universitätsabschluss an der juridischen Fakultät der Universität von Pernambuco, entschied sich aber gegen eine einschlägige Karriere, da er "entdeckte, dass das Recht, das er studiert hatte, das Recht der Eigentümer gegen die Habenichtse war" (1). Vielmehr verlagerte sich sein Schaffen und sein Interesse nun auf die Bereiche Erwachsenenbildung, Sprachwissenschaft, Erziehung und Bildung.
Von 1946 bis
1956 arbeitete Freire in der Abteilung für Erziehung und Kultur des Sozialdienstes
der Industrie und begann sich vermehrt der Erwachsenenbildung zu widmen. Freires demokratische und dialogorientierte Methode – Bewusstseinsbildung
(conscientizacao) genannt - führte zu Unstimmigkeiten mit dem
Unternehmerverband als Geldgeber und schließlich zum Bruch: Freire lehnte die
Charity-Mentalität ab, eine Form von Hilfe, die den Betroffenen helfen will,
ohne diese als Subjekte und GestalterInnen des eigenen Lebens Ernst zu nehmen. Ihnen
wird geholfen, aber genau und einzig nach dem Willen der Helfenden, die damit die für sich beanspruchte moralische Überlegenheit demonstrieren wollen.
Die von Freire
entwickelte Alphabetisierungsmethode (1959 promovierte Paulo Freire an der
Universität von Recife über die Alphabetisierung von Erwachsenen) schaffte die
Alphabetisierung eines Erwachsenen in nur 40 Stunden und erreichte durch die
Verknüpfung des Erlernens der Lese- und Schreibtechnik mit dem "Lesen und
Schreiben der Wirklichkeit", einen Prozess der Bewusstmachung. Dieses Ziel
der Bewusstmachung war der Mittelpunkt der von Freire initiierten Einrichtungen
"Kulturzirkel" und "Kulturzentrum", die auf seinen
Erfahrungen der 1950er Jahre beruhten. Während sich das Kulturzentrum
vorwiegend an PädagogikstudentInnen wendete, waren die TeilnehmerInnen der
Kulturzirkel Erwachsene ohne Schulbildung.
1962 begann die Regierung Goulart in Brasilien mit einem groß angelegten
nationalen Programm zur Alphabetisierung der Bevölkerung. Die Basis des
Programms war die Methode Paulo Freires. Das Ziel war, 20.000 Kulturzirkel zu
schaffen, um damit 2 Millionen Menschen Lesen und Schreiben beizubringen. Dies
hatte einen wesentlichen demokratiepolitischen Aspekt: Lesen und Schreiben zu
können bedeutete im brasilianischen Kontext der 1960er Jahre, das Wahlrecht in
Anspruch nehmen zu können. Von diesem waren nämlich AnalphabetInnen
ausgeschlossen.
Dieses politische und emanzipatorische Vorhaben wurde aber nur
zwei Jahre später, 1964, gewaltsam beendet, als das Militär mit einem Putsch
die Macht übernahm. Paulo Freire kam für 72 Tage ins Gefängnis.
Nach seiner Entlassung musste Freire ins Exil nach Chile gehen. Mit der Emigration
veränderte sich nun auch sein Schaffen, er wurde theoretischer, reflektierte
seine Erfahrungen in der Erwachsenenbildung in mehreren Büchern (das
bekannteste ist die Pädagogik der Unterdrückten, 1970) und begann
diverse Beratungstätigkeiten. Er unterrichtete bis 1969 an der Universität
Santiago, fungierte von 1970 bis 1976 im Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf
als Berater für Bildungsfragen in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern und
beriet Regierungen in mehreren dieser Länder der Peripherie, alle mit starken
sozialistischen Bewegungen: Chile, Nicaragua, Guinea-Bissau, Sao Tomé und
Príncipe, Mosambique, Angola, Kap Verde. Die verschiedenen Situationen in
diesen Ländern brachten ihm die Erkenntnis, dass seine Methode auf die jeweiligen
Umstände der Länder angepasst werden müsse. In Afrika erwies sich die Anwendung
seiner Methode als schwierig, weil es in den ehemaligen portugiesischen
Kolonien keine Nationalsprache gab, da Portugiesisch nur von der Elite bzw. der
städtischen Bevölkerung gesprochen wurde.
Freire sympathisierte mit Befreiungsbewegungen und linken Regierungen. Aber seine Beziehung
war nicht spannungsfrei, weil er Manipulation und Sektierertum vehement
ablehnte. An die Stelle der Bevormundung durch besserwisserische Eliten stellte
er den Dialog von Lernenden und Lehrenden: "Der Lehrer ist nicht länger bloß
der, der lehrt, sondern einer, der selbst im Dialog mit den Schülern belehrt
wird, die ihrerseits, während sie belehrt werden, auch lehren. So werden sie
miteinander für einen Prozess verantwortlich, in dem alle wachsen" (2).
In den 1970er Jahren wurde Paulo Freire schließlich verstärkt in Europa
wahrgenommen und arbeitete mit diversen internationalen Organisationen zusammen
(UNESCO, ILO, FAO). Er wurde zu einem Vordenker eines basisorientierten
Bildungsansatzes, der die, in Europa aus dem 19. Jahrhundert stammende,
Tradition der Volksbildung wieder belebte.
1980, mit der Ende der Repression und der beginnenden Demokratisierung, kehrte Freire
nach Brasilien zurück und lehrte an der Universität von Campinas und an der
Katholischen Universität von Sao Paulo. Er widmete sich vermehrt schulischen
Themen wie etwa der Lehrplangestaltung. Er war ein Anhänger eines demokratischen
Sozialismus, sympathisierte mit der Arbeiterpartei PT (Partido dos
Trabalhadores) und war unter Luiza Erundina von 1989 bis 1991 Bildungsstadtrat
in Sao Paulo. In den 1990er Jahren konzentrierte sich seine Kritik auf den
Neoliberalismus und dessen Anwendung im Bildungsbereich. Er musst erleben, dass
sich die von ihm so vehement kritisierte Bankiersmethode - der Irrglaube, dass Humankapital im Gehirn
angespart werden kann – weltweit erneut durchsetzte. Mit aller Kraft – "Niemals
fühlte ich mich so jugendlich, wie seitdem ich 70 geworden bin. Ich habe
gelernt zu streiten." (3) - versuchte er, seine Ideen von Volksbildung gegen
die von der Weltbank dekretierte Ökonomisierung der Bildung zu verteidigen.
Paulo Freire starb am 2.5.1997 in Sao Paulo.
(1) Ernst Lange: Einführung. In: Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984 [1970], S. 9-23, S. 10.
(2) Freire 1984, S. 65.
(3) Frei übersetzt nach: Paulo Freire: Pedagogia dos Sonhos Possíveis. 1 ed. São Paulo: Editora UNESP, 2001, S. 172.