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Die Leistung der sozialen Herkunft

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Eine Präsentation des Buches "Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft." von Michael Hartmann.

27.03.2006 | Philip Taucher

Entscheidend für den Aufstieg in eine Spitzenposition in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Justiz ist nicht, wie oft behauptet, die individuelle Leistung einer Person, sondern primär deren soziale Herkunft und deren Geschlecht. Das ist die zentrale These, die der deutsche Soziologe Michael Hartmann in seinem 2002 erschienen Buch argumentiert. Er stützt sich dabei auf umfassende empirische Untersuchungen in Deutschland.
Eliteuniversität, Begabtenförderung, Leistungsgerechtigkeit, Leistungsgesellschaft sind Begriffe, die zur Zeit positiv konnotiert sind und von den Medien unkritisch kommuniziert werden. Ein Land, eine Gesellschaft benötige demnach die besten Köpfe an der Spitze, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Und um an die Spitze zu kommen, da zähle eben nur die Leistung. Über diese Mechanismen scheint auch in allen politischen Parteien breiter Konsens zu herrschen. Diese Einschätzung entspricht jedoch, folgt man Hartmanns Daten und Argumenten, nicht der gesellschaftlichen Realität.

Soziale Selektion

Hartmann untersuchte die Biografien von sämtlichen Promovierten der Promotionsjahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 in den Wirtschaftswissenschaften, Rechtwissenschaften und Ingeneurswissenschaften in Deutschland, um herauszufinden, was die Hauptfaktoren für den erfolgreichen Aufstieg in Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft, Politik und Justiz sind.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Auch nach der Selektion innerhalb des Bildungssystems entscheidet vor allem die soziale Herkunft und das Geschlecht, ob eine Person in eine Spitzenposition gelangen kann oder nicht. Am klarsten äußere sich diese soziale Selektion bei der Besetzung von Spitzenpositionen in Großunternehmen. Für einen promovierten Sohn einer großbürgerlichen Familie ist es 17-mal wahrscheinlicher in eine Spitzenposition eines Großunternehmens zu gelangen als für einen promovierten Sohn einer ArbeiterInnenfamilie. Für Frauen tendiert die Wahrscheinlichkeit gegen null.

Klassenspezifischer Habitus

Diese Ergebnisse erklärt Hartmann mit dem von Pierre Bourdieu stammenden kultursoziologischen Ansatz des klassenspezifischen Habitus. Demnach erlerne jeder Mensch in der familiären Sozialisation einen klassenspezifischen Habitus, der sich in feinen Nuancen im Verhalten ausdrücke und später kaum mehr abzulegen sei. Bei der Besetzung von Spitzenpositionen tendierten die EntscheidungsträgerInnen dann dazu, ihnen selbst ähnliche Personen auszuwählen. Hier kämen solche feinen Unterschiede im klassenspezifischen Habitus voll zum Tragen. Somit hätten AnwärterInnen aus hohen sozialen Schichten auch dann viel bessere Chancen auf die Besetzung eines Chefsessels, wenn ihre bis dahin erbrachten Leistungen unter jenen ihrer KonkurentInnen aus niedrigeren sozialen Schichten lägen.

Elitenrekrutierung

Im angelsächsischen und französischen Raum verlaufe die Elitenrekrutierung stärker institutionalisiert über Eliteschulen und Universitäten, die von der Bildungsexpansion der 1970er Jahre unbeeinflusst blieben. Demgegnüber habe die Bildungsexpansion in Deutschland vor allem zu einer verstärkten sozialen Schließung des Zugangs zu Elitepositionen nach der Promotion geführt.

Auf Basis dieser Analyse kritisiert Hartmann anerkannte Modernisierungstheoretiker wie Dahrendorf, den funktionalistischen Ansatz von Luhmann oder die Individualisierungsthese von Beck, die mit der Bildungsexpansion eine zunehmende soziale Öffnung der Eliten prognostizierten oder gar schon vom Ende der Klassengesellschaft sprachen. Er weist darauf hin, dass eine herrschende Elite, allen voran die Wirtschaftselite, zentrale Machtpositionen in der Gesellschaft nach wie vor kontrolliere und die Selektion im sozialen Aufstieg nach ihren Interessen gestalte.

Frauen: Aufstiegschancen gegen Null

Die Analyse der sozialen Selektion über das Geschlecht fällt bei Hartmann etwas mager aus. Er macht zwar deutlich, dass das Geschlecht zahlenmäßig noch stärker als die soziale Herkunft eine Barriere darstelle und die Aufstiegschancen von Frauen in Spitzenpositionen gegen Null tendierten. Er erwähnt diese soziale Selektion nach dem Geschlecht aber nur in Nebensätzen. Ärgerlich ist dabei, dass er das zahlenmäßige Geschlechterverhältnis in Spitzenpositionen als Argument verwendet, auf eine geschlechtergerechte Sprache gänzlich, also auch bei der Beschreibung gesellschaftlicher Prozesse, zu verzichten.

Für LeserInnen, die nicht speziell an den Daten oder empirischer Forschung interessiert sind, könnte allerdings Hartmanns Buch eine Barriere darstellen. Einige Kapitel erinnern in Sprache und Struktur eher an einen Forschungsbericht. Das erste und die letzten beiden Kapitel geben jedoch die zentralen Argumente der Debatte wider. Einen Überblick gibt auch Hartmanns Einführung in die Elitensoziologie, die im selben Verlag erschienen ist.

Michael Hartmann: Der Mythos der Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt/Main [u.a.]: Campus Verlag, 2002. 220 Seiten. 19,90 €. ISBN 3-5933-715-10.
Der Autor studiert Soziologie und Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Mitorganisator von http://www.keineuni.org/.
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