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Zur Zukunft der europäischen Bildung im Widerspruch zwischen
emanzipatorischem Ideal und realer Instrumentalisierung durch
Wirtschaft und Politik sprachen und diskutierten die
BRD-Bundestagsabgeordnete Cornelia Hirsch und der
Bildungswissenschafter Erich Ribolits.
Unter dem Titel "Bildung im Europa der Konzerne" hatte die Werkstatt Frieden und Solidarität am 27. April 2006 ins Neue Institutsgebäude der Universität Wien geladen. "Politik hat immer mit Ökonomie, Bildung immer mit Politik und Ökonomie zu tun", Elke Renner, die Gastgeberin und Moderatorin von der Werkstatt Frieden und Solidarität eröffnete den Vortrags- und Diskussionsabend mit einer einführenden Darstellung der Auswirkungen neoliberaler Entwicklungen im Bildungsbereich. Durch das späte Eintreffen der Gästin aus der BRD wurde das ursprüngliche Co-Referat von Erich Ribolits, "Pädagogisierung als Strategie der Ungleichheit", zum einleitenden Vortrag des Abends. "Bildung ist längst eine Ware" "Bildung darf nicht zur Ware werden!" ist ein Aufschrei, der in Mode zu sein scheint, dem Bildungswissenschafter der Universität Wien Erich Ribolits allerdings nur ein müdes Lächeln abzugewinnen vermag: Ware sei sie längst geworden. Es ginge nur mehr um die Frage des Zugangs zu dieser Ware. Wie aber gestaltet sich der "Kampf" um Bildung in einer Gesellschaft, die sich "Chancengleichheit" auf die Fahne schreibt? Noch nie sei so viel über Pädagogik gesprochen, noch nie so wenig davon verwirklicht worden. Bildung habe "im Zeitalter des lebenslangen Lernens" zwar beste Voraussetzungen, die ursprüngliche Idee der Aufklärung, durch den Erwerb von Wissen selbstbewusste, kritische und widerständige Menschen zu produzieren, habe sich jedoch nicht erfüllt. Trotz überdurchschnittlichen Bildungsangebots sei man brav und angepasst: "Der Durchschnittsösterreicher weiß genug, um eigentlich aufbegehren zu müssen. Selbst wenn er nur die U-Bahnzeitung "Heute" liest", so Ribolits. Lernen auf Rezept Obwohl Lernen als das Generalrezept zur Lösung aller Probleme verkauft werde und "Lernmuffel" als asozial gälten, setze das "Endziel von Bildung", nämlich Menschen zu autonomen, handlungsfähigen BürgerInnen zu erziehen, eine individuelle Entscheidung voraus. Wo den Leuten eingeredet werde, Bildung als eine Art "Investition" zu verstehen, die sich lohnen muss und dazu dient, aus Geld immer mehr Geld zu machen, könne der nötige Mut nicht entwickelt werden, den es brauche, um Wissen konkret einsetzen zu können. Unterliege Bildung den Prinzipien der Konkurrenzgesellschaft: der Erfolg einiger weniger impliziert das Scheitern aller anderen, könne sie nichts anderes sein als eine Ware. Anzunehmen, dass "Bildung als Bürgerrecht" etwas ändern würde, ist Ribolits zufolge absurd. Man solle seine Energie nicht darauf verschwenden, die Gesellschaft ein wenig "netter", den Kapitalismus ein Fünkchen "menschlicher" zu machen. Das System durch solche "Eckenabschleifung" erträglich zu machen, trage lediglich zu seiner Aufrechterhaltung bei. Ziel einer jeden Bildungskritik müsse daher die Veränderung der Gesellschaft als Ganzes sein. Konkrete Strategien, wie sich diese Veränderung gestalten beziehungsweise wohin sie führen könnte, konnte jedoch auch der Experte nicht anbieten. Wettlauf um Qualifikationen Im Anschluss sprach Cornelia Hirsch, BRD-Bundestagsabgeordnete und bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Linke.PDS, über bildungspolitische Entwicklungen auf europäischer Ebene. Obgleich für MinisterInnen nicht verpflichtend, seien Beschlüsse im Rahmen des Bolognaprozesses doch sehr diskursbestimmend und würden mit der Rechtfertigung, sonst als "Schlusslicht Europas" dazustehen, oft unhinterfragt auf nationalstaatlicher Ebene implementiert. Hinter der Forderung nach einem dreistufigen System von Studienabschlüssen vermutet Hirsch eine Doppelstrategie: Durch die verkürzte Studiendauer des Bakkalaureats solle einerseits die Eingliederung in den Arbeitsmarkt beschleunigt, andererseits jedoch verhindert werden, dass Hochschulen Orte politischer Auseinandersetzung bleiben. Eine zweite Ebene betreffe konkrete Vorhaben der EU-Kommission: In Diskussion stehe unter anderem ein EURO-Pass, der aufschlüsseln solle, was Personen gelernt haben. Ein anderer Plan sei der Europäische Qualifikationsrahmen, der unterschiedliche vorgegebene Qualifikationen in einem Raster mit verschiedenen "Rangstufen" aufliste. Er sei ähnlich dem EURO-Pass stark Output-orientiert: Im Zentrum stehe nicht die Frage nach Dauer der Ausbildung, sondern "was die jeweiligen Personen konkret können". Erklärtes Ziel sei neben europaweiter Vergleichbarkeit die "Employability", eine möglichst reibungsfreie Eingliederung aller EU-BürgerInnen in den europäischen Arbeitsmarkt. Ein Recht auf umfassende Bildung mit emanzipatorischem Potential sei in diesem System, das Menschen dazu zwinge, einzelnen Qualifikationen "hinterher zu rennen", nicht vorgesehen: Man müsse sich in Zukunft "nach Gusto und Geldbörse seine eigene Bildung zusammenstoppeln". Diese zwei auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Instrumente hätten daher, so Hirsch, konkrete Folgen auf Bildungsverläufe. Von zentraler Bedeutung für den Bildungsbereich sei zudem, wohin das "Projekt EU" insgesamt steuere. Eine Gefahr für die weitere Entwicklung der Bildungssysteme in Europa sieht Hirsch insbesondere in Privatisierungsmaßnahmen: Wie könne eine demokratischer Zugang zu Bildung noch gewährleistet werden, wenn sich Bildungsinstitutionen nicht mehr länger in öffentlicher Hand befinden? Vor dem Hintergrund der Bolkestein-Richtlinie erhoffe sich die Bildungsindustrie aus dem diskutierten Qualifikationsrahmen Profit zu schlagen, da Angebote und Testverfahren mit viel Geld verbunden seien. Von Bildung zu Handlung? Die abschließende Diskussion drehte sich vor allem um die Frage nach konkreten Handlungsmöglichkeiten. Während Ribolits seiner Kollegin aus der Politik vorschlug, den "Zwang zur konstruktiven Kritik" abzulegen und das System im Kern in Frage zu stellen, verlangten mehrere Stimmen im Publikum nach eindeutigeren Zukunftsvisionen. Auf den Einwand eines Teilnehmers, man könne sich nicht von etwas wegbewegen, ohne ein neues Ziel anzusteuern, verwies Ribolits auf den Mut, den es brauche, "eine Beziehung aufzulösen, ohne bereits den neuen Partner im Auge zu haben". Cornelia Hirsch blieb bei ihrem Plädoyer für einen offenen Bildungszugang: Nur durch ausreichende Bildung könnten Menschen dazu gebracht werden, eine Systemüberwindung anzudenken. Bologna-Prozess http://www.bmbwk.gv.at/europa/bp/hochschul.xml Euro-Pass http://www.europass-info.at/ http://europass.cedefop.eu.int/europass/preview.action?locale_id=4 Europäischer Qualifikationsrahmen http://www.bibb.de/de/21696.htm
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