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Luise Gubitzer diskutierte in ihrem Vortrag am 15.11.2007 im Rahmen der
Ringvorlesung "Ökonomisierung der Bildung" kritisch die Durchdringung
des Bildungssektors durch die neoliberale Ideologie und legte einen
Fokus auf die Umstrukturierung des österreichischen Bildungssystems.
Der Begriff des Neoliberalismus sei heute in aller Munde, so Luise Gubitzer, Universitätsprofessorin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, sei es im Zusammenhang mit Strukturanpassungsprogrammen der Weltbank, der Zeit der schwarz-blauen Regierung in Österreich oder internationalem Handel, und man habe immer seltener das Gefühl, dass diejenigen, die ihn benutzen, wissen, wovon sie sprächen. Die Vortragende weiß dieser unangenehmen Situation vorzubeugen, in dem sie, von einem Zeitungsartikel ausgehend, ein anschauliches Bild vom idealtypischen "neoliberalen Bürger" zeichnet. Dieser Bürger sei vor allem eines: "frei". Auf den Spuren dieser Freiheit, begegnen wir der Frage nach der "Reproduktionswilligkeit" dieses neoliberalen, und absolut freiheitsliebenden Bürgers und stolpern so über die Rolle, welche dem Staat in diesem idealtypischen Neoliberalismus zugewiesen wird: "Natürlich würde er Kinder haben, sie wären das einzige, was staatlich gefördert würde." Die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung, zumindest zum Schutz des Privateigentums, sowie die Sicherstellung, dass Humankapital "nachwächst", das wären die Kompetenzen eines staatlichen Systems, so der Zeitungsartikel. Die Frage nach der Qualität dieser Freiheit führe zu dem Schluss, erklärte Gubitzer, dass es sich um eine zweckdienliche Steigerung der individuellen Freiheit handle, die mitunter ein geeignetes Mittel darstelle, um die persönliche Leistungsbereitschaft zu erhöhen. Der oben beschriebene Homo Oeconomicus, sei also "frei", sich selbst möglichst gewinnbringend zu vermarkten. Auf staatlicher Ebene komme es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft durch die immer weiter greifende Einschränkung des öffentlichen Sektors zugunsten der gewinnorientierten Wirtschaft, beziehungsweise durch den immer weiter wachsenden Einfluss des privaten auf den öffentlichen Sektor, zu einer Rücknahme der Demokratie. Entscheidungsprozesse fänden immer häufiger hierarchisiert und zentralisiert statt, und tendenziell würden "Diskussionsforen" zugunsten von "Informationsveranstaltungen" der politischen Arena verwiesen. Das Kriterium der Verwertbarkeit, die Argumentation durch Sachzwänge, dränge die Frage der öffentlichen Meinung in den Hintergrund. "Von wahrer Bildung zur Ware Bildung" Diese Entwicklungen ließen sich deutlich im Bildungssektor ausmachen, dem eine entscheidende Rolle im Prozess der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft zukomme. Luise Gubitzer hält drei Faktoren für besonders bezeichnend: Die Schaffung von Elite-Ausbildungsstätten, die inhaltliche Fokussierung auf Ausbildung von Arbeitskräften und KonsumentInnen und die soziale Schichtung der Gesellschaft durch ein Bildungssystem, das auf Exklusion beruhe und somit dafür sorge, dass dem neoliberalen Arbeitsmarkt auch niedrig qualifizierte, billige Arbeitskräfte zugeführt werden. In Zeiten des Austro-Keynesianismus (1960er bis 1980er Jahre) sei die Bildungspolitik einer anderen Logik gefolgt, und sei eher an der Idee "Bildung als Menschenrecht" orientiert gewesen, wie sie in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen formuliert ist. Es sei primär darum gegangen, durch die Einführung von Stipendien und Förderungen allen Bürgern und Bürgerinnen den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen. Bildung sei gemäß dem gesellschaftlichen Konsens als öffentliches Gut betrachtet worden. In den letzten Jahren habe der profitorientierte Sektor gegenüber dem öffentlichen Sektor, traditionell der größte Anbieter von Bildungsdienstleistungen, erheblich an Boden gewonnen. Er setze selbstbewusst seine Logik der Gewinnorientierung durch und beeinflusse zunehmend alle Bereiche, in denen Bildung stattfindet (Haushaltssektor, non-profit Sektor, illegaler Sektor und vor allem öffentlicher Sektor). Laut Gubitzer hat das folgenden Grund: Es würden zunehmend AkteurInnen aus dem privaten in den öffentlichen Sektor geholt. Dazu zählten ehemalige ManagerInnen, die RektorInnen oder BildungsministerInnen werden, ebenso wie Beratungsfirmen, die nunmehr ihre marktwirtschaftlich erprobten Methoden auf den ehemals nicht-gewinnorientierten öffentlichen Bildungssektor anwendeten. Auf politischer Ebene habe das neue Universitäts-Organisationsgesetz, mit der Schaffung von Gremien (wie dem Universitätsrat), in denen wiederum RepräsentantInnen aus der Wirtschaft sitzen, diese Entwicklung gefördert. Ein weiterer wichtiger Faktor sei der Einsatz von Drittmitteln in Forschung und Lehre, die sich damit von externen, gewinnorientierten GeldgeberInnen abhängig machen. Durch Privatisierungen komme es weiters zu einer Neuaufteilung der Bildungsbereiche in "öffentlich" und "privat". Tendenziell gingen dabei die lukrativen Teile des öffentlichen Sektors in den privaten über und, wo es gehe, werde nach marktwirtschaftlichen Kriterien umstrukturiert. Ein weiteres Element im Prozess der neoliberalen Umgestaltung des Bildungssektors sei die Selbstökonomisierung, sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden. Gubitzer warnt vor der Logik "wir zahlen, wir fordern", denn nicht nur KonsumentInnen können fordern, sondern auch StaatsbürgerInnen. Mehr noch, sie hätten das Recht, vom Staat, den sie gestalten, ihre Bildung einzufordern. Und Rechtsschutz sei stärker als jede KundInnen-Garantie. Die Ökonomisierung der Bildung stelle sich gegen das Menschenrecht auf Bildung, fordere quantifizierbare Ergebnisse statt Qualität und beruhe auf dem Prinzip der Auslese statt dem der Förderung und Inklusion. Demgegenüber stehe die Idee eines Bildungssystems, das nicht nur Arbeitskräfte und KonsumentInnen "produziere", sondern mündige BürgerInnen heranbilde. Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien.
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