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Soziale Selektion im Bildungssystem

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Die "Ökonomisierung der Bildung" ist ein Thema, in dem sich zentrale Widersprüche und Entwicklungen der aktuellen Gesellschaft spiegeln. Im Rahmen einer Vorlesung stellte der Soziologe Christoph Reinprecht am 25. Oktober 2007 die Problematik der "Sozialen Selektion im Bildungssystem" dar.

05.12.2007 | Renu Manuela Rai

Reinprecht diskutierte dabei die jüngsten Veränderungen im Bildungssystem, die Faktoren, die Einfluss auf den Verlauf des Bildungswegs haben und die Theorien der sozialen Selektion.

So wichtig die Bildung eines Menschen heute auch sein mag, sie sei noch immer kein Allgemeingut, das für jede/n gleichermaßen zugänglich ist, wie eine Reihe von empirischen Forschungen beweise, so Reinprecht. Die länderübergreifende PISA-Studie habe erneut eine Diskussion zum Thema Bildung entfacht. Erich Neuwirth (Universität Wien) habe von dieser ausgehend in einer Studie (pdf) gezeigt, dass es beim Thema Bildungsverteilung eher zu Variationen innerhalb der einzelnen Länder selbst, als zwischen den Ländern komme. Der Bildungsungleichheit sei daher mehr Aufmerksamkeit zu schenken, so Reinprecht.

Die soziologische Bildungsforschung beschäftige sich mit drei Aspekten von Bildung. Der erste davon sei die Heterogenisierung. Der Besitz eines Bildungstitels zur Erlangung eines hohen Status werde immer wichtiger, genüge aber nicht mehr. Der zweite beobachtbare Aspekt sei die Temporalisierung. Das Wissen aus der Schule/Universität habe nur eine befristete Haltbarkeit und das Stichwort des "life-long-learning" gewinne immer mehr an Bedeutung.

Als dritter Aspekt werde die Substituierung untersucht. Dies bedeutet, dass körpergebundenes, sozial erlerntes und individuell verfügbares Erfahrungs- und Berufswissen, schrittweise durch die Speicherung von Prozess- und Planungswissen durch technische Systeme ersetzt werde.

Zeichen der Zeit

Der Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft sei wesentlich für die offizielle Bildungspolitik. Immer spezialisiertere Fähigkeiten sollen vermittelt werden. Deren Erlernen erfolge lebenslang im Gegensatz zu früher, als Personen nach Beendigung der Schule als "ausgeschult" oder gar "ausgelernt" gegolten hätten. Dies bedinge aber auch, dass die Lernenden Wille und Bewusstsein zum Wissen entwickeln müssten. Als sichtbares Zeichen individualisieren sich die beruflichen Lebensläufe zunehmend.

Weiters verliere der Nationalstaat immer mehr seine Bedeutung als zentrale bildungspolitische Steuerungsinstanz, was sich für Reinprecht etwa im Bologna-Prozess zeige. Diese Wandlungen bedingten soziale Spaltungs- und Ausschließungsprozesse, da es vermehrt Gruppen gebe, die nicht gleichermaßen am Bildungssystem und deshalb auch nicht gleichermaßen am Arbeitsmarkt teilnehmen könnten bzw. aufgrund verschiedener Faktoren ausgeschlossen würden.

Bildungserweiterung und Gründe der Selektion

Seit der Bildungsreformpolitik in den 1970ern sei der Anteil der ÖsterreicherInnen mit der Pflichtschule als höchstem Abschluss von 40 auf 26 Prozent bei Männern, bzw. von 73 auf 41 Prozent bei Frauen gesunken. Gleichzeitig sei der Anteil der Personen mit Matura als höchstem Abschluss gestiegen, von 9 auf 15 Prozent bei den Männern und von 6 auf 14 Prozent bei den Frauen.

Im Jahr 2000 verfügten sogar unter den 20 bis 30jährigen 35 Prozent der Frauen und 28 Prozent der Männer über die Matura. Aufgrund dieser deutlichen Steigerung spreche der Soziologe Ulrich Beck vom so genannten "Fahrstuhleffekt". Damit meine Beck, dass es allgemein gesehen zu kollektiven Zugewinnen an Bildung und Bildungstiteln komme, dafür aber Ungleichheiten auf höherem Niveau reproduziert würden.

Trotz dieser erfreulichen Zahlen habe die Bildungsexpansion in Österreich aber nicht alle Menschen gleichermaßen erreicht. Die Entscheidung, wer sich wie lange im Bildungssystem aufhält, hänge mit verschiedenen Faktoren zusammen. Zu diesen Faktoren gehören z. B. die soziale Herkunft, das Geschlecht, der Wohnort (Land-Stadt) und die nationale und ethnische Herkunft. Kinder aus Familien mit migrantischem Hintergrund seien immer noch gesellschaftlich schlechter platziert und in weiterführenden Bildungswegen unterrepräsentiert, so Reinprecht.

Ein weiterer sehr wichtiger Faktor sei die Bildung und gesellschaftliche Position der Eltern. Die Wahrscheinlichkeit, die Matura zu machen, liege bei Eltern mit der Pflichtschule als höchstem Abschluss bei 10 Prozent, bei Eltern mit Lehre bei 17 Prozent, bei Eltern mit Matura bei 60 Prozent und bei Eltern mit Universitätsabschluss bei 79 Prozent.

Theorien sozialer Selektion

Dieser empirische Befund der sozialen Selektion durch das Bildungssystem versuchte Reinprecht mit Hilfe von zwei Theoretikern besser zu fassen, Max Weber und Pierre Bourdieu.
Die Klassentheorie von Max Weber besage, dass gesellschaftliche Klassen über die ökonomische Lage definiert werden. In den Klassen selbst komme es aber zu einer inneren Differenzierung nach Besitz und Qualifikation und dadurch zur sozialen Selektion.
Pierre Bourdieu ging davon aus, dass die Funktion eines Bildungssystems nicht darin bestehe, allen Kindern einen gleichen und gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu verschaffen, sondern dass es zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ungleichheitsordnung diene. Er spricht vom so genannten "inkorporierten" Kapital. Das bedeutet, dass z. B. StudentInnen aus der Oberschicht durch ihre familiäre Sozialisation, ihre klassenspezifische Sprache und Umgangsformen andere Signale aussenden als StudentInnen der Unterschicht und damit von ProfessorInnen anders wahrgenommen und behandelt werden.

Zusammenfassend betonte Reinprecht, dass zwei Dinge im Bildungssystem und am "Arbeitsmarkt" beobachtbar seien: Erstens, dass der Wert der Bildungstitel immer mehr ab- und der Wert des inkorporierten Kapitals immer mehr zunehme. Und zweitens, dass neue Formen der Bildungsexklusion entwickelt werden. Bildungsbenachteiligte fänden keinen Platz mehr, man spreche von der Produktion von "Überflüssigen" am "Arbeitsmarkt". Das Scheitern werde stärker als früher bestraft.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.
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