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Was die Stadt zusammen hält – "Social Polis"

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Am 11. und 12. Mai 2009 trafen sich ca. 200 WissenschafterInnen und PraktikerInnen aus aller Welt in Wien, um im Rahmen des Projekts "Social Polis: The Social Platform on Cities and Social Cohesion" Wissen und Erfahrungen in Bezug auf sozialen Zusammenhalt in Städten zu diskutieren.

29.05.2009 | Anna Ellmer

Städte als soziale Systeme sind durch die ungerechte Verteilung von Chancen hinsichtlich Bildung, Arbeit und politischer Mitgestaltung von Ressourcen sowie ökologischen Belastungen charakterisiert; sie sind Räume politischer Auseinandersetzungen. Soziale Exklusion, ökonomische Polarisierung und verschiedene Formen von Diskriminierung prägen Städte und das Leben ihrer BewohnerInnen – und zwar weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und verschiedener Weise, mancherorts still und im Verborgenen, mancherorts in roher Offensichtlichkeit. Nach Möglichkeiten und Wegen aber auch Hindernissen für sozialen Zusammenhalt in Städten zu fragen, erscheint in diesem Kontext als ein Muss für verantwortungsvolle Stadtforschung und -politik.

Soziale Kohäsion als komplexes Konzept

In diesem Sinne haben sich Stakeholder aus Wissenschaft und Praxis in Wien eingefunden, um die Plattform Social Polis als Gelegenheit zu Austausch und Vernetzung zu nutzen und sich mit sozialer Kohäsion in Städten auseinander zu setzen. "Social Polis: The Social Platform on Cities and Social Cohesion" ist ein transdisziplinäres Projekt, das durch das 7. Rahmenprogramm der EU Kommission finanziert wird.

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Andreas Novy
Das Thema soziale Kohäsion in Städten ist aufgrund seiner Komplexität nicht leicht fassbar, wie Andreas Novy in einem einleitenden Statement am ersten Tag der Konferenz betonte. So zeigt sich z.B. anhand von "Gated Communities", dass ein hohes Maß an Zusammenhalt auf einer Ebene, zunehmende Desintegration anderorts fördern kann – in diesem Fall bei den Ausgesperrten.
Da sozialer Zusammenhalt also nicht als per se positiv betrachtet werden kann, gilt es zu fragen: Für wen und von wem sprechen wir, wenn es um sozialen Zusammenhalt als normatives Ziel geht?

Außerdem können lokale Zusammenhänge in konkreten Städten nicht unabhängig von globalen Prozessen betrachtet werden. So stellte Frank Moulaert – Koordinator von Social Polis und Professor an der Katholischen Universität Leuven – fest, wir seien mit der neoliberalen Umgestaltung Europas dem Ziel des sozialen Zusammenhaltes in den Städten nicht gerade näher gekommen.
Im Gegenteil, Europa habe einen Teil seiner Ausstattung, die für die Herstellung und den Erhalt sozialer Kohäsion in Städten nötig ist, zum Ausverkauf freigegeben, so Moulaert. Die in den letzten Jahrzehnten global dominierende Politik der Deregulierung und Privatisierung manifestiert sich im konkreten Leben der StädterInnen.  Frank_1.jpg
Frank Moulaert
Und auch die derzeitige globale Wirtschaftskrise wird sich heftig in Bezug auf urbane Problematiken auswirken, wurde im Zuge der Konferenz wiederholt betont und damit die Bedeutsamkeit globaler Dynamiken unterstrichen. Dennoch müsse das Verhältnis von globalen und lokalen Prozessen nicht unbedingt als ein einseitiges betrachtet werden, schlug Andreas Novy vor und stellte die Frage, inwiefern Zusammenhänge auf lokaler Ebene einerseits globale Dynamiken beeinflussen können und andererseits Räume für die Entstehung und Entwicklung von Alternativen bieten.

Schließlich sind in Zusammenhang mit sozialer Kohäsion mehrere Dimensionen zu beachten: kulturelle Aspekte sind vor allem in zunehmend multikulturellen Gesellschaften ebenso von Bedeutung wie sozio-ökonomische Dynamiken und die politische Frage nach Rechten und Partizipationsmöglichkeiten. Zwölf "Existential Fields", die im Rahmen des Projekts bearbeitet und auf der Konferenz in Workshops diskutiert wurden, illustrieren diese Vielfalt: die Themen reichten von Wohnen und Gesundheit über urbane Ökologie bis zu Bildung und Kreativität.

Ein Dialog zwischen Praxis und Theorie

Nicht zuletzt um dieser Komplexität urbaner Problematiken gerecht zu werden und unzulässige Verkürzungen zu vermeiden, ist Social Polis als Projekt zur Entwicklung einer Forschungsagenda für die Europäische Kommission transdisziplinär konzipiert. Nicht nur ForscherInnen mit diversen disziplinären Hintergründen arbeiten zusammen an der Entwicklung von Themen, die die Zukunft der europäischen Forschung zu urbanem, sozialem Zusammenhalt darstellen sollen. Vor allem partizipieren auch PraktikerInnen und AktivistInnen. Als soziale Plattform soll Social Polis zum einen Raum für Interaktion und Austausch von Wissen und Information sowie das Erkennen und Nutzen von Synergien schaffen. Zum anderen soll der Dialog zwischen PraktikerInnen und WissenschafterInnen auch verhindern, dass Forschungsergebnisse und Theorien im Elfenbeinturm verstauben. Denn Social Polis basiert auf der Überzeugung, dass wertvolle Theorie praktisch relevant sein muss. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Erfahrungswissen jener Menschen, die sich täglich mit den Problemen von StadtbewohnerInnen auseinandersetzen, wird als eine grundlegende Voraussetzung dafür betrachtet.

Voneinander lernen

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Jens Dangschat
In diesem Sinne stellte auch der in das Projekt involvierte Stadtsoziologe Jens Dangschat vom Institut ISRA der TU Wien fest, dass die Dichotomie von Praxis und Theorie veraltet sei. Dabei gehe es nicht nur darum, Bücher zu schreiben, die PolitikerInnen dann lesen sollten. Vielmehr müssen Prozesse sozialen Lernens gestaltet werden und neue Wege zum Transfer von Wissen zwischen der Welt der AkademikerInnen und der AktivistInnen und PolitikerInnen eröffnet werden.

Nicht nur WissenschafterInnen sollen im Rahmen von Social Polis von der PartnerInnenschaft mit PraktikerInnen profitieren, indem sie die gesellschaftliche und politische Bedeutsamkeit ihrer Arbeit überprüfen und sicherstellen.
Abgesehen davon bietet die Kooperation aus der Sicht von Pierre Morissette von der Kanadischen NGO RESO für lokale Organisationen die Möglichkeit, Erfahrungen und Wissen zu bündeln, zu strukturieren und folglich verstärkt für die eigene Arbeit nutzbar zu machen. Letztlich sei der Anspruch der Transdisziplinarität vor allem auch eine Herausforderung an die Politik, stellte Jens Dangschat fest.  pierre.morisette.jpg
Pierre Morissette

Diese müsse im Zuge einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Wissenschaften bereit sein, ihren Blick auch auf Ursachen und Triebkräfte urbaner Entwicklungen zu richten, denen nicht immer unmittelbar mit Management von oben beizukommen ist.

Ergebnisse der Konferenz und nähere Information zu dem Projekt finden Sie unter www.socialpolis.eu.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

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