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Antiziganismus und die Kirche

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Am 31. Mai 2010 sprach Gernot Haupt, Theologe und Pädagoge aus Kärnten, im Otto-Mauer-Zentrum über Vorurteile und Ausgrenzungsmechanismen (von Seiten der Kirche), mit denen sich Roma und Sinti nicht nur in Österreich konfrontiert sehen.

10.06.2010 | Laura Köfler

Gleich zu Beginn des Vortrags vermittelte Haupt den ZuhörerInnen mit Bildern seiner Reise in ein Dorf in West-Rumänien eine Vorstellung über die Lebenssituation vieler Roma in ihren Gemeinden. Zusammen mit seiner Frau betreibt er seit einigen Jahren ein Sozialprojekt in dieser Gemeinde. Die dort lebenden Roma haben ihre Bleibe in einem abgegrenzten Viertel, das von den anderen DorfbewohnerInnen gemieden wird. Die Bilder zeigten ein kleines Haus, dessen Dach eingestürzt war und nun lediglich aus Handtüchern und Teppichen bestand. Aus seinem Tagebuch zitierte Haupt einige Eindrücke, die er auf seiner Reise erlebt und niedergeschrieben hatte.

Diskriminierungen jeglicher Form

Die Lebensrealität der Roma sieht ohne Recht auf Sozialhilfe und Krankenversicherung, mit einem monatlichen Pensionseinkommen von umgerechnet 14 Euro und Häusern ohne Strom ziemlich trist aus. Zwar werden Romakinder nicht mehr so häufig auf Sonderschulen abgeschoben, die Diskriminierung nimmt deshalb allerdings noch kein Ende. Auch in Österreich ist die Diskriminierung sichtbar: So werden beispielsweise in einigen Internet-Foren Roma als „gefährliche ethnische Gruppe“ mit einem „rücksichtslosen Verhalten“ beschrieben.

Als Diskriminierung definiert Haupt die Exklusion bestimmter Personen(gruppen) aus gesellschaftlichen Systemen und gleichzeitig auch die Inklusion in bestimmte Gesellschaftssysteme. Der Antiziganismus äußere sich in unterschiedlichen Formen, wobei Haupt drei Unterscheidungen vornimmt: Extermination (Tötung), Expulsion (Vertreibung) und Repression. Die Ursprünge dieser Formen liegen allesamt schon lange in der Geschichte zurück.

Religion als Halt

Schließlich ging Haupt auf das eigentliche Thema – die Rolle der Religion und der KirchenvertreterInnen im Leben der Roma und Sinti – ein und hob hervor, dass der Glaube eine zentrale Bedeutung im Leben der Roma einnimmt. Zwar seien die Häuser der meisten Roma nur sehr notdürftig eingerichtet, dennoch finde man in sehr vielen davon Marienfiguren als einzigen Wohnschmuck. Obwohl die Mehrheit der Roma in der von Haupt besuchten rumänischen Gemeinde katholisch ist, nicht zuletzt um eine völlige Exklusion aus der Gesellschaft zu vermeiden, hat der Ortspfarrer über die Zahl der katholischen Roma keine Kenntnis, da auch er wie viele andere DorfbewohnerInnen den Kontakt zu den Roma eher meidet. Haupt unterstrich, dass mit einem solchen Verhalten die Exklusionsmechanismen von Seiten der KirchenvertreterInnen reproduziert werden.

Neben der aktuellen Situation in Rumänien erinnerte Haupt auch an die Zeit des Nationalsozialismus, in der Roma und Sinti zusammen mit anderen Personengruppen deportiert und sterilisiert wurden. Auch in der Zeit nach dem Holocaust waren in der damaligen „katholischen Zigeuner- und Nomaden-Seelsorge“ Menschen mit zutiefst rassistischen Auffassungen über Roma und Sinti eingestellt. Als Beispiel hierfür nannte Haupt die Sozialarbeiterin Silvia Sobeck, die in den 1970er Jahren trotz ihrer umstrittenen Schriften und Aussagen als Expertin bezüglich Roma und Sinti galt und dadurch einen wesentlichen Einfluss auf politische Entscheidungen und Maßnahmen hatte.

„Freiwillige Flüchtlinge“

Auch in einer Rede von Papst Paul VI aus den 1960er Jahren wird das damalige Verständnis der Kirche zu den Roma und Sinti deutlich. Der Papst bezeichnete Roma und Sinti in seiner Ansprache als „freiwillige Flüchtlinge“, die das Leben in der „abgeschiedenen und geheimen Welt“ von sich aus gewählt hätten.

Um all diese Formen der Diskriminierung zu beseitigen, so Haupt, benötige es eine Theologie der Inklusion und der Roma-Befreiung. Gerade die Kirche habe in ihrer Rolle die Möglichkeit und durch ihren Leitgedanken der Nächstenliebe und den diesbezüglichen Forderungen die Pflicht, Inklusionsarbeit zu leisten. Allerdings käme sie dieser Aufgabe nur schlecht beziehungsweise gar nicht nach. Wichtig sei es, in den einzelnen Pfarrgemeinden zu zeigen, wie Antiziganismus überwunden werden kann, um dies dann auch an andere Menschen weitergeben zu können.  

Gräben vertiefen


In den Wortmeldungen, die nach dem Vortrag von Seiten des Publikums kamen, wurde unter anderem auch die Meinung geäußert, dass konfessionell motivierte Hilfe die Gräben zwischen verschiedenen Gruppen zunehmend vertiefen könne, da man die einzelnen Gesellschaften aufgrund ihrer jeweiligen Konfession von anderen Gesellschaften unterscheide, sie abermals von der restlichen (Mehrheits-) Gesellschaft trenne und damit wiederum neue Exklusionsmechanismen hervorrufe.

Haupt wies darauf hin, dass es wichtig sei, in Gesprächen mit Roma und Sinti ihre Probleme und Bedürfnisse zu klären. Ziel sei es, durch langfristige Projekte Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und damit Ermächtigung und Empowerment bei einer von der Mehrheitsgesellschaft bisher häufig ausgeschlossenen und diskriminierten Gesellschaftsgruppe zu ermöglichen.


Die Autorin studiert Internationale Entwicklung ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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